«Herr, gib mir die Kraft und den Mut, mein Herz und meinen Körper ohne Ekel zu betrachten.» Charles Baudelaire, französischer Schriftsteller und Lyriker

Hand aufs Herz: Wer kennt sie nicht, die Momente der Selbstzweifel und der tiefsten Selbstablehnung? Ich zumindest muss zugeben, dass es mir phasenweise sehr schwer fiel, mich selber voll und ganz zu akzeptieren. Sei dies nun auf körperlicher oder auf emotionaler Ebene.

Schon früh habe ich Dinge erlebt, die dazu führten, dass ich meinem Körper nicht mehr traute. Und schon früh habe ich den Glaubenssatz entwickelt, dass mit mir und meinen Gefühlen «irgendwas nicht stimmt.» Da ich jedoch nicht verstand, woher diese Gefühle und Gedanken kamen, habe ich – als Sahnehäubchen sozusagen – auch noch damit begonnen, mir selber Vorwürfe zu machen. «Warum bist du denn immer so ängstlich? Was ist eigentlich dein Problem?» oder auch einfach «einen Menschen mit so vielen Problemen und Sorgen wird niemand lieben» – nicht gerade aufbauende Gedanken. Und das, obwohl es mir doch sonst schon schlecht ging. Jedenfalls lernte ich, meinen Körper und meine Gefühle abzulehnen und ihnen zu misstrauen. Dass der Ursprung dafür im Aussen lag und nicht per se in mir selber, das konnte ich mir damals nicht vorstellen. Doch die negativen Glaubenssätze rund um meinen Körper und meine Gefühle liessen mich jahrzentelang nicht mehr los. Als ich mit Mitte Zwanzig mit einer Psychotherapie begann, war ich am Ende meiner Kräfte. Ich hatte kaum Hoffnung, dass es wieder besser werden würde. Es folgten viele Sitzungen bei diversen Therapeuten. Ich lernte, aber alles ging sehr langsam vor sich. Und auch wenn ich intellektuell immer besser verstand – meine Grundgefühle änderten sich lange Zeit nicht wirklich.

Die Rolle des Körpers

In meiner Coaching-Ausbildung ging mir dann auf, weshalb. Studien haben bewiesen, dass der Körper in der Psychotherapie eine zentrale Rolle spielte. Ich hatte zwar auch Therapien gemacht, die den Körper miteinbezogen – zum Beispiel Akupunktur oder Shiatsu – doch während der Ausbildung erfuhr ich am eigenen Leib, wie wirkungsvoll Methoden waren, die Ausdruck und Körper vereinten. Emotionale Probleme einfach im Kopf zu lösen – das geht nicht wirklich auf. Emotionale Probleme löst man mit Zuwendung. Mit Hinhören. Mit dem Kopf kann ich vielleicht verstehen, was woher kommt. Mein Gefühl «B» ist eine Folge von Situation «A». Nicht schlecht. Aber leider noch nicht die Lösung.

Zur Veranschaulichung:
Ein Kind weint herzzerreissend. Es ist traurig, weil es etwas nicht erhält, das es sich gewünscht hat. Jemand, der nicht vorbelastet ist, wird nun wahrscheinlich einfach zu dem Kind hingehen und es fragen, was denn los ist. Nun sagt das Kind vielleicht: «Ich bin traurig, weil Mami mir den Minnie-Maus-Pullover nicht kauft!» Das ist schon mal ein Anfang. Doch: Ist ein solcher Pullover wirklich so wichtig? Vielleicht kommt die erwachsene Person zum Schluss, dass er es nicht ist und das Kind bloss verzogen wird, wenn man ihm alles schenkt, was es haben möchte. Doch vielleicht fragt sie auch einfach noch einmal nach. «Warum möchtest du denn diesen Pullover so gerne haben?» Nun beginnt das Kind erst richtig zu schluchzen und erzählt, dass zwei Mädchen im Kindergarten einen solchen Pulli haben und dass es deshalb auch so einen braucht. Es geht also vielleicht gar nicht um den Pullover, sondern um das Gefühl der Zugehörigkeit. Ein Gefühl, das nur allzu menschlich ist. Nun beginnt die Person ein einfühlsames Gespräch mit dem Kind, in dem sie ihm sagt, dass sie das gut verstehen könne, dass es geliebt werde und ein ganz tolles Kind sei, das im Leben noch viele Freunde haben werde. Das Kind fühlt sich verstanden und akzeptiert, wie es ist. Dies wird sich positiv auf seine sozialen Kontakte auswirken – ob mit oder ohne Minnie-Pulli.

Liebevolle und wertungsfreie Zuwendung

Genau so muss man auf sein inneres Kind zugehen. Und dieses Kind sitzt nicht im Kopf, es kommuniziert über Emotionen und somit über den Körper. Also ist es essentiell, sich schmerzenden und blockierten Körperregionen neugierig und liebevoll zuzuwenden. So lange, bis der betreffende Teil sozusagen von sich aus über das Trauma zu sprechen beginnt, das in ihm abgespeichert ist. Und dabei muss jeder Druck verhindert werden – jeder Teil darf sich die Zeit nehmen, die er braucht.
Vielleicht hört sich das nun so an, als müsse man schlimme Situationen noch einmal durchkauen. Doch darum geht es nicht. Es geht darum, dass sich der Körper «Luft machen» darf. Dieser Prozess mag nicht immer nur angenehm sein, aber er ist viel weniger schlimm, als wenn man das Trauma im Kopf immer und immer wieder durchgeht. Es ist ein Bei-sich-sein und Sich-selber-spüren. Es löst manchmal Wut oder Trauer aus, vielleicht auch mal Angst. Doch wenn man diesen Gefühlen vorurteilsfrei begegnet, wird das Erleben positiv – und Heilung kann geschehen.